Wildau als Wissenschaftsstandort

Die früher klassische Industriearbeiter-Gemeinde hat sich seit der Wende in historisch kurzer Zeit auch in eine kleine, aber wichtige Hochschulstadt entwickelt. Wildau ist heute ein Wissenschaftsstandort mit einer großen deutschlandweiten und mit großer internationaler Reputation.

Der bemerkenswerte Aufstieg Wildaus zu einer bekannten Hochschulstadt hat eine interessante/wichtige Vorgeschichte. Im September 1949 begann hier mit der Gründung der Betriebsfachschule für Lokomotiv- und Waggonbau die systematische Ingenieurausbildung. 1955 wurde die Fachschule in „Ingenieurschule für Schwermaschinenbau Wildau“ (ISW) umbenannt. Die Ingenieurschule war eine entscheidende „Fachkräfte-Schmiede“ für den Schwermaschinenbau „Heinrich-Rau“ in Wildau, einer der leistungsstärksten Betriebe seiner Art in der DDR. Auch die Wildauer Ingenieurschule genoss großes Ansehen in der damaligen ostdeutschen Republik.Das lag vor allem an der unmittelbaren Verbindung zur Praxis, an der Vermittlung eines soliden, breitgefächerten Grundwissens und anwendungsbezogener Kenntnisse sowie an der für die damalige Zeit modernen Ausstattung der Labore.

Die Ingenieurschule wurde daher aufgrund ihres fachlichen Niveaus zu einer Grundlage für die akademische Neugründung am 22. Oktober 1991 durch die Landesregierung von Brandenburg, die Technische Fachhochschule (TFH Wildau). Die neue Fachhochschule begann ihren Lehrbetrieb mit 17 Studenten im Studiengang Maschinenbau.

Insbesondere seit der Jahrtausendwende hat die Wildauer Fachhochschule einen stürmischen Aufschwung erlebt. Heute wird hier in insgesamt 32 Fachrichtungen ausgebildet, zum Bachelor und zum Master. Knapp 4.000 Studierende werden Ende August 2017 an der Wildauer Einrichtung eingeschrieben sein, darunter fast 1.000 ausländische Studenten. Die internationale Ausrichtung in alle vier Himmelsrichtungen ist eines ihrer besonderen Markenzeichen. Über 90 Professuren sind ein Beleg für die erreichte große Breite der akademischen Lehre und Forschung, darunter befinden sich viele Spitzenkräfte mit internationalem Format.

Am 11. Mai 2009 beschloss der Hochschulsenat die Umbenennung der Fachhochschule in Technische Hochschule. In Bezug auf ihre wissenschaftliche Breite und Reputation ist die TH Wildau ein gefragter Partner, nicht nur bezogen auf die angewandte Forschung, sondern auch auf die grundlagennahe Forschung. Mit einer abgestimmten Transferstrategie beschreitet sie z.B. mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg neue Wege. In dem von der Bundesregierung mit mehr als 14 Mio. Euro geförderten Transferprojekt „Innovation Hub 13“ wollen die Partner den wechselseitigen Austausch zwischen ihren akademischen Einrichtungen einerseits und der Wirtschaft und Gesellschaft andererseits in Zukunft beschleunigt vorantreiben. Dabei geht es um neue Transferwege, aber auch um ein verbessertes Wissensmanagement. Die Hochschulen wollen damit ihrer Rolle für die Entwicklung der Hauptstadtregion noch stärker gerecht werden.

Im Sommer 2017 erlebte auch die Technische Hochschule Wildau das Phänomen, dass im Zug der diesjährigen Bewerbungsrunde nicht alle vorhandenen Studienplätze besetzt werden konnten. Hier wirkt sich offenbar u.a. die demographische Entwicklung aus (Rückgang der Schülerzahlen). Zudem wird in Deutschland der Wettbewerb zwischen den guten Hochschulen und um die jungen Leute bzw. Studieninteressenten härter. Für junge Menschen gibt es eine Vielzahl von Entscheidungskriterien für ihre Studienplatzwahl: die favorisierte Fachrichtung, der Ruf der Hochschule, die örtlichen Rahmenbedingungen, das Wohnheim und Wohnungsangebot u.v.m. Das Wohnheimangebot war zuletzt ein ernsthaftes Streitthema in Wildau. Gegenwärtig gibt es in Wildau weniger als 400 Wohnheimplätze, aber allein knapp 1.000 internationale Studenten. Auch der allgemeine Wohnungsmarkt in Wildau und Umgebung ist weitgehend leergefegt. Und auch nicht jeder Student aus dem Land Brandenburg oder aus einem anderen Bundesland kann jeden Tag nach Wildau pendeln, braucht also einen Wohnheimplatz oder eine Wohnung.

Das Wohnheimangebot ist für die Attraktivität der Wildauer Hochschule von großer Bedeutung. Hier ist zunächst die Hochschule selbst gefragt. Sie muss sich hier eindeutig positionieren. Dann könnte auch die Stadt bauplanungsrechtlich den Weg freimachen für den notwendigen Studentenwohnheimbau.

Im Interesse der weiteren Stärkung des Standortes ist ein weiteres Zusammenrücken von Hochschule und Stadt auf jeden Fall wünschenswert.

 

 

 

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